Fußspuren im Sand

(nach einer amerikanischen Geschichte nicht ganz geklärter Herkunft)

Eines Nachts träumte mir, ich lief am Strand
mit dem Herrgott durch tiefen, weißen Sand.
Dann blieben wir beide auf einmal stehn,
und ich habe Zeichen am Himmel gesehn.

Erlebnisse aus meines Lebens Lauf
stiegen leuchtend als Bilder vor mir auf.
Ich sah Zeiten des Glücks wie auch der Not,
Stunden großer Freud und der Liebsten Tod.

Und in jeder Szene hab ich erkannt,
da liefen zwei Fußspuren durch den Sand.
Von unserem Herren stammte die eine;
die andre daneben im Sand war meine.

Doch gab es dazwischen einige Strecken,
da konnt‘ ich nur eine Fußspur entdecken.
Und auf einmal wurde mir ziemlich klar:
In der Zeit, als mein Leben düster war,

als ich verzweifelte, da gab es nur
im weißen Sand eine einzige Spur.
Da sprach ich zu Gott: „Zu allen Zeiten,
versprachst du, mich auf meinem Weg zu begleiten.

Doch wo ich mein Unglück kaum konnte fassen,
wo ich dich brauchte, hast du mich verlassen.
Denn wo ich in Not war, sehe ich nur
im weißen Sand eine einzige Spur.“

Doch der Herr sprach zu mir. „In Zeiten der Not,
als du dich gefürchtet vor Krankheit und Tod,
da war ich dir nah; mein Sohn, lass dir sagen,
wo du eine Spur siehst, habe ich dich getragen.“

(Nach einer amerikanischen Geschichte nicht ganz geklärter Herkunft; deutsche Fassung: Wolf-Peter Trautwein)